Was bestimmt das Verhalten von Kindern? Sind es Impulse, Stimmungen, Emotionen, das Alter oder die Erbanlagen, welche die Kinder dazu bringen, gesellig und vorsichtig oder ungesellig und waghalsig zu sein?

Die Beweggründe für das Handeln von Kindern sind so komplex wie die vielen Verhaltenstheorien, die im Laufe der Jahre die Runde gemacht haben. Der Psychiater Sigmund Freud vertrat die Ansicht, dass die meisten Verhaltensmuster von inneren Wünschen gesteuert werden, die nur schwer zu kontrollieren sind. „So sind Jungs eben“.

Sein Kollege Alfred Adler war der Meinung, dass das Verhalten von dem Bedürfnis gesteuert wird, einen bestimmten Platz in einer Gruppe zu finden. „Würde mir mal jemand zuhören!“

Der Entwicklungspsychologe Jean Piaget vertrat die Ansicht, dass das Verhalten von Kindern weitgehend von ihrem jeweiligem Entwicklungsstand abhängt. „Es ist nur eine Entwicklungsphase, die sie gerade durchläuft.“

Alle Theorien haben ihre Berechtigung, aber sie vernachlässigen etwas, das wir schon immer wussten, aber nicht ausreichend wahrgenommen haben – nämlich, dass Kinder selbst entscheiden, wie sie sich verhalten. Ihre Entscheidungen können durch Müdigkeit, Hunger oder Gereiztheit beeinträchtigt werden, aber letzten Endes treffen sie die Entscheidung, sich auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten oder sich zurückzuziehen und ihren Impulsen freien Lauf zu lassen.

Es gibt aber auch Einschränkungen. Ein hungriges, übermüdetes dreijähriges Kind, das von einem Geschwisterchen geärgert wird, wird wahrscheinlich keine überlegte Entscheidung treffen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es um sich schlägt, die Eltern um Hilfe bittet oder einen unkontrollierten Wutanfall bekommt, ist größer. Eltern müssen mit gesundem Menschenverstand entscheiden, wie sie auf ihr Kind reagieren, wenn solche Faktoren im Spiel sind.

„Das war eine gute Entscheidung, Felix“


Wenn ein kleines Kind nett zu einem Geschwisterkind oder einem Freund ist, können Eltern das Verhalten loben („Es war toll, dass du nett warst, Felix“) oder die Entscheidung („Gute Entscheidung, Felix“).

Wenn Eltern sich auf die Entscheidungen ihrer Kinder konzentrieren, vermitteln wir ihnen, dass sie ein Mitspracherecht in Bezug auf ihr Verhalten haben. Wir wenden uns an ihren präfrontalen Kortex – den Teil ihres Gehirns, der für das logische Denken zuständig ist und sagen: „Du bist dafür zuständig, wie sich das Kind verhält. Schön, dass du eine gute Wahl getroffen hast.“ Wenn ein Kind über längere Zeit immer wieder in seinen Entscheidungen bestärkt wird, wirkt sich das sehr wahrscheinlich stark darauf aus, wie es sich selbst sieht. Durch die Bestätigung von Entscheidungen liegt die Kontrolle beim Kind und nicht bei externen Faktoren wie der Stimmung, Gleichaltrigen oder dem Geschlecht als wahrscheinliche Ursachen für schlechtes Verhalten.

„Du hast die Wahl“


Ein Kind, das sich zu Hause oder in einer sozialen Situation schlecht benimmt, kann daran erinnert werden: „Du hast die Wahl.“ Es hilft, wenn Kinder die Konsequenzen ihrer schlechten Entscheidungen spüren, anstatt davor beschützt zu werden. Ein Kind, das sich weigert, eine Unordnung im Wohnzimmer aufzuräumen, kann die Gegenstände, welche nicht aufgeräumt wurden, für eine gewisse Zeit verlieren. Wenn das Kind diese Gegenstände aber schätzt, wird es beim nächsten Mal vielleicht eine andere Wahl treffen. Entscheidungen lehren Verantwortung, vorausgesetzt, sie sind mit Konsequenzen für das jeweilige Verhalten verbunden.

„Kannst du eine sinnvollere Entscheidung treffen?“


Eltern müssen vielleicht einige der Möglichkeiten aufzeigen – dem Konflikt aus dem Weg gehen, sich Hilfe holen oder nichts tun – aber letztendlich muss das Kind die Entscheidung selbst treffen. Wenn du mit einem Kind oder einer/einem Jugendlichen in einem ruhigen Moment nach einem Vorfall über seine/ihre schlechten Entscheidungen sprichst, kann das dem Kind oder der/dem Jugendlichen helfen, darüber nachzudenken und sein/ihr Denken für bessere Entscheidungen in der Zukunft einzustellen. „Welches Verhalten könntest du beim nächsten Mal auswählen?“ ist eine hilfreiche Frage an ein Kind oder einen Jugendlichen, das/der sich in eine missliche Lage gebracht hat.

„Wähle zwischen diesen beiden Möglichkeiten“


Anekdotische Hinweise deuten darauf hin, dass etwa jedes dritte Kind nicht gerne gesagt bekommt, was es tun soll. Diese Kinder legen Wert auf Selbstkontrolle und nutzen Widerstandsstrategien wie Argumentieren, Verhandeln oder Aufschieben, um ihre Meinung durchzusetzen. Solche Kinder können für Eltern zermürbend sein, aber sie werden in der Regel auch durchsetzungsfähige Erwachsene sein, solange ihr Elan in jungen Jahren nicht gebremst wird. Bei Kindern, denen es wichtig ist, die Kontrolle über ihr eigenes Handeln zu haben, ist es gut, ihnen Wahlmöglichkeiten zu geben.

Am Besten ist es, ihnen die Wahl zwischen zwei Optionen zu lassen, wodurch eine Illusion von Kontrolle entsteht. „Wenn du drinnen bleibst, musst du leise sein. Wenn du laut spielen möchtest, musst du draußen spielen.“ Kinder nehmen in der Regel eine der angebotenen Möglichkeiten an, sofern sie vernünftig sind, weil sie das Gefühl haben, dass sie das Sagen haben.

Der Wunsch nach Wahlfreiheit kann schon im Kleinkindalter beginnen und sich bis ins Jugendalter und darüber hinaus fortsetzen. Es ist ein befähigendes Konzept, das Kinder darauf vorbereitet, in der Gesellschaft, in die sie hineinwachsen werden, voll und ganz zu leben. Es schafft ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Eigenverantwortung und Selbstständigkeit – zwei Charaktereigenschaften, die von Schulen, Gemeinden und Arbeitgebern sehr geschätzt werden.

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